"Psychologen sind Fachidioten" - meine Geschichte...

 

In meiner Jugendzeit wurde mir von allen Seiten vom Studium der Psychologie abgeraten. "Die haben ja alle selbst eine Macke!" - "Nicht mehr alle Tassen im Schrank!" - "Das sind Fachidioten" - "Da hat man nur mit Verrückten zu tun!"

Es war ein hartes NC-Fach. Da kam nicht jeder rein...

Dem Vorurteil der Fachidiotie wollte ich natürlich etwas entgegensetzen. Insgesamt 16 Semester an der Uni, fünf Studienfächer, eines davon neben der Psychologie das seltsame Fach Sprechwissenschaft/Sprecherziehung. Philosophie und Pädagogik, Teilnehmerorientierung in der Erwachsenenbildung, Ökosophie, Rhetorische Kommunikation. Es gab noch die Schulpsychologie, Erziehungsberatung und Familientherapie. Seminare über unterschiedliche Therapieverfahren, es gab noch Diskussionen über verschiedene Ansätze. Heute... sind fast alle "selbstverständlich" Verhaltenstherapeuten. 

Nach dem Studium Zertifikat im postgradualen Studiengang "Sprecherziehung". Kaum jemand weiß, was es damit auf sich hat, was man da so macht. Und höchst selten fragt jemand nach. Die Zulassung zur Psychotherapie erfolgte 1993 nach dem damals gültigen Gesetz, dem Heilpraktikergesetz. 

Es gab das Delegationsverfahren, ein Arzt musste die Notwendigkeit bestätigen, dass jemand Psychotherapie braucht. Klar, man muss zuerst zum Metzger, bevor man Käse kaufen darf...

1999 kam das Psychotherapeutengesetz. Eine Katastrophe. Der Approbationslehrgang war die Eintrittskarte für die Arbeit in einer Klinik. In der stationären Rehabilitation war ich dann auch mehr als 20 Jahre unterwegs. Sucht, Psychosomatik, Orthopädie, Amputationsnachsorge, Rheumatologie. Verhaltensmedizinisch orientierte Rehabilitation.

Die Verhaltenstherapie wurde zu meiner Grundlage, der Empfehlung, für verschiedene Verfahren offen zu bleiben, bin ich trotzdem treu geblieben. Mein besonderes Interesse gilt der Schematherapie, der Akzeptanz- und Commitment-Therapie, EMDR.

Fachtagungen und Weiterbildungen haben meinen Horizont erweitert. EMDR bei Schmerz, zuletzt die Audiotherapie DSB. Der Hintergrund ist persönlicher Natur: da ich von Tinnitus selbst betroffen bin, war es mir immer ein Anliegen, auf das Thema einzugehen. Meine Ohren sind abgerutscht, ich trage jetzt Hörgeräte.

Professor Hellmut Geißner, bei dem ich studiert habe, kam nach seiner Pensionierung zu dem Schluss, dass das "Sprech-" in Sprechwissenschaft nie so recht verstanden wurde. So wurde die Sprecherziehung zur Kommunikationspädagogik. Mit anderen ins Gespräch kommen, darum geht es. Nicht nur um Atem, Stimme, korrekte Aussprache. Um Dialog. Um das Miteinandersprechen. 

 

 

 

Orientierung

Es gibt viele grundsätzliche Orientierungsmarken, die sich über Jahrzehnte hinweg entwickelt und verfestigt haben.

Wissenschaftliche Grundlagen

Es gibt unglaublich viele Therapieverfahren und Behandlungsangebote. Offenheit bedeutet nicht notwendigerweise Eklektizismus, viele Vorgehensweisen kommen einfach nicht in Frage, wenn man den Anspruch hat, das alles "Hand und Fuß" haben soll. Evidenzbasierte Medizin, empirische Forschung, neue Erkenntnisse - das Stehenbleiben und der Spruch "das haben wir schon immer so gemacht" sind schlimme Fehlhaltungen. Früher dachte ich, das wäre eine Frage des Alters, aber das stimmt nicht. Es ist Neugier, das Weiterfragen, das Wissen-Wollen. 

Internet hin oder her - ohne Fachbücher könnte ich nicht leben. Es tut sich immer wieder etwas. Und im Internet steht auch viel Mist. Dort, wo man sich nicht auskennt, sind die Fehler vielleicht überhaupt nicht zu finden.

Was therapeutische Möglichkeiten betrifft, lohnt sich ein Blick in die Leitlinien der Fachverbände. Wenn sich ganz unterschiedliche Fachleute auf einen starken Konsens verständigen können, dann hat das schon Aussagekraft.

 

Erfahrung und Reflexion

Erfahrung ist nicht immer ein Qualitätskriterium. Man kann jahrzehntelang immer wieder dieselben Fehler machen. Interessant ist aber, dass Fachleute, die wirklich über ihr Handeln nachdenken, sehr oft nach einigen Jahren an vielen Punkten zu denselben Schlussfolgerungen kommen. Formale Qualifikationen treten dann in ihrer Bedeutung zurück. Es gibt Leute, die Ahnung haben und Leute mit vielen Zetteln. Manchmal kommt beides zusammen, aber zwingend ist das nicht.

 

Die sanften Wege zu Autonomie und Selbstbestimmung

Es ist eine persönliche Sache, sanfte Vorgehensweisen zu bevorzugen. Systematische Desensibilisierung wirkt, wenn es um Ängste geht. Das begleitete Wiedererleben nach traumatischen Erlebnissen ist für manche einfach zu hart. Verhaltenstherapie hin oder her, die Klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie (also eigentlich der personenzentrierte Ansatz nach Carl Rogers) hat ihre Spuren hinterlassen. Eine gewisse Tendenz zum non-direktiven hat ihren Hintergrund in dem Anliegen, dass andere ihr eigenes Leben leben sollen - und nicht meines. Der besondere Vorteil für Selbstzahler liegt darin, dass niemand etwas davon erfahren muss. Kostenträger wollen immer einen Bericht.